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Posted by admin as інтерв'ю
Die Ukraine, Europas zweitgrößter Staat, ist auf der literarischen Landkarte kaum auffindbar. Doch 2003 landete der ukrainische Journalist, Lyriker, Essayist und Romancier Juri Andruchowytsch mit seinem Essay-Band “Das letzte Territorium” einen Überraschungserfolg in Deutschland. MDR.DE traf den Autor als Stipendiaten des Literarischen Colloquiums Berlin.
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Herr Andruchowytsch, welche Reaktionen auf Ihr Buch haben Sie in Deutschland erlebt?
Oh, die Leser in Deutschland haben außerordentlich positiv reagiert. Und das Buch stieß auf ein großes Medieninteresse. Es wurde häufig in der Presse und im Radio besprochen. Außerdem konnte ich dadurch neue Kontakte knüpfen. Nach seinem Erscheinen sind viele Menschen mit diversen Ideen und Projekten an mich herangetreten.
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Was hat Sie bei Begegnungen mit Lesern und Journalisten überrascht?
Es gibt immer noch eine Menge Leute, die nicht zwischen der Ukraine und Russland unterscheiden können oder wollen. Für sie gehören fast alle Staaten im Osten noch irgendwie zu Russland. Nach so vielen Lesungen passiert es mir immer noch, dass Zuhörer mir anschließend im persönlichen Gespräch sagen: “Oh, wir lieben die russische Sprache!” Dabei habe ich den Text-Auszug doch auf Ukrainisch vorgetragen! Und zum x-ten Mal muss ich sie dann aufklären, dass das eben kein Russisch war. Aber mit diesem Problem müssen sich wohl die meisten ukrainischen Autoren herumschlagen. Doch Hoffnung ist in Sicht. Diejenigen, die mein Buch schon gelesen haben, wissen zu unterscheiden. Das vielleicht Erfreulichste am “Letzten Territorium” ist nämlich, dass es für die Besonderheit der Ukraine sensibilisiert. Aber nicht nur das, es macht auch Lust auf eine Reise in mein Land. Ich selbst hatte schon mehrmals das Vergnügen, Reiseleiter für ausländische Gäste spielen zu dürfen.
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Nun gilt allerdings die Ukraine, abgesehen von der Krim, nicht gerade als ein Reiseland.
Was die Ukraine dringend nötig hat, sind Besucher aus dem Westen. Ich denke dabei nicht nur an gewöhnliche Touristen, sondern an Menschen, die für länger bleiben wollen. Ich nehme gern Polen als Beispiel, denn schließlich ist die polnische Kultur bzw. Literatur im Westen auch dadurch bekannt geworden, dass Ausländer nach Polen kamen und sie dann im Gepäck nach Hause mitgenommen haben. Das konnten aber nur jene Besucher, die länger blieben. Sie wurden zu Vermittlern, da sie das Land kennen und lieben gelernt hatten. Meine Bücher, besonders das “Letzte Territorium” lassen sich auch als indirekte Einladung verstehen, mein Heimatland zu besuchen. Die Ukraine ist nicht nur touristisch attraktiv, nein, dort passieren gerade dramatische Ereignisse, die sich auch auf die Zukunft Europas auswirken könnten.
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Sollte sich die Ukraine eigentlich um eine EU-Mitgliedschaft bemühen?
Ja. Die Ukraine ist geradezu prädestiniert, in absehbarer Zeit der Europäischen Union beizutreten. Vielleicht liefern die geografische Lage und die geopolitischen Interessen nicht gerade die besten Argumente, doch die Logik der Osterweiterung und vor allem die Suche nach Absatzmärkten sprechen dafür. Realistisch erscheint mir für dieses Vorhaben eine Frist von zehn bis fünfzehn Jahren. Die Ukraine braucht diese Zeit, um sich zu reformieren. Aber auch die erweiterte EU benötigt noch einige Jahre, um zu sich finden und mit ihrer eigenen Größe zurecht zu kommen.
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Sie plädieren für einen EU-Beitritt Ihres Landes, gleichzeitig kritisieren Sie Europa heftig, wenn Sie etwa schreiben: “In Wirklichkeit ist Europa ein sozialistisches Woolworth geworden, wo jeder nehmen kann, ohne irgend etwas dafür geben zu müssen”.
Sie zitieren jetzt aus meinem Essay “Treffpunkt Germaschka”. Natürlich habe ich in diesem Text etwas zugespitzt, ich finde, das sollte jeder Autor tun. Ich übertreibe aber nicht, wenn ich feststelle: Europa durchlebt gerade stürmische Zeiten der Veränderung. Ich denke, dass wir Zeugen eines Generationswechsels sind, nicht nur in der Politik. Eine andere, egoistische Generation übernimmt die Geschicke Europas, eine Generation, die nur auf ihren Vorteil bedacht ist. Sie will nur noch nehmen und nicht mehr geben. Ich glaube, dass immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind zu teilen. Die “Woolworth”-Metapher gibt deren Wertesystem treffend wieder, denn in diesen billigen Geschäften nimmst du nur und musst kaum etwas dafür geben. Es ist eine Art billiger Sozialismus.
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Im Mai erscheint das Buch “Mein Europa”, das Sie gemeinsam mit dem Polen Andrzej Stasiuk verfasst haben. Darin schreiben Sie beide über “Mitteleuropa”, einen Begriff, wie ihn auch der Tscheche Kundera oder der Ungarn Konrád gebrauchen. Was ist darunter zu verstehen?
Ich beziehe mich dabei auf die gemeinsame Vergangenheit dieser Region, weniger in der k. u. k.-Monarchie, als vor allem im Sowjetreich bzw. im Ostblock. Dieses Mitteleuropa, das sich nach meiner Definition von Estland über Polen und Ungarn bis nach Albanien erstreckt, ist natürlich äußerst heterogen. Doch trotz der Vielfalt gibt es dennoch etwas, das ihnen allen gemeinsam ist. Ich nenne es das “Post-Kriterium”. Alles in Mitteleuropa ist post-kommunistisch bzw. post-totalitär. Ich finde, dass man den Begriff “Mitteleuropa” neu besetzen muss. Wir sollten uns auch darüber klar werden, was uns in Zukunft verbinden wird und nicht nur, was uns in der Vergangenheit geeint hat. Da ich aber kein Politiker bin, sondern Poet, verarbeite ich dieses Thema lieber in meiner so genannten “Geo-Poesie”. Ich verarbeite dieses “Mitteleuropa” also auch in meinen Gedichten.
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Sie wenden sich wieder der Poesie zu, obwohl Sie eigentlich nie wieder Gedichte schreiben wollten.
Vielleicht klingt es komisch, aber es gab eine Zeit, da war ich davon überzeugt, dass man mit dreißig kein Gedicht mehr schreiben sollte. Ich meinte das damals nicht allzu ernst. Mit 25 Jahren meinten wir in der Autorengruppe “Bu-Ba-Bu” eher im Scherz, mit 30 Jahren weiter Verse schreiben zu wollen, wäre geradezu lächerlich. Endet nicht mit diesem Alter die Jugend? Und assoziiert man nicht Poesie stets mit Jugendlichkeit, Unerfahrenheit und Frische? Dann aber wurde ich 30, habe noch den Gedichtzyklus “Indien” geschrieben und danach plötzlich jegliche Lust am Dichten verloren. Für lange Zeit. Aber jetzt arbeite ich gerade wieder an neuen Gedichten.
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Sehr poetisch schreiben Sie auch über Ihre westukrainische Heimatstadt Iwano-Frankiwsk, das einstige galizische Stanislau, von wo Sie doch eigentlich mit 20 Jahren flüchten wollten.
Es ist eine Stadt, in die ich immer wieder heimkehren möchte. Einerseits will ich auch heute noch mit 44 Jahren von dort flüchten, deshalb bin ich auch häufig unterwegs, doch andererseits, wenn ich schon an irgendeinen Ort zurückkehren soll, dann dorthin. Ich habe noch keine Rückkehr bereut, auch wenn einen die Stadt manchmal mit ihrer Provinzialität arg einengt. Häufig irritiert sie mich, aber es gibt auch Momente des Glücks, denn diese Stadt ist einfach schön.
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Wie haben Sie Deutschland erlebt?
Ich bewundere Deutschland für seine Förderung der Kultur und Literatur. Es gibt hier so viele Stiftungen, Stipendiatenprogramme und Begegnungsstätten. Da hat Deutschland gegenüber den anderen europäischen Staaten die Nase vorn. Dank dieser Programme ist Deutschland in der Lage, die ganze Welt einzuladen. Mir imponiert aber auch die deutsche Leidenschaft für die Literatur, die spürt man in jeder Diskussion. Außerdem fasziniert mich, dass man in der deutschen Literatur gesellschaftlichen Problemen nicht aus dem Wege geht. Ich habe das Gefühl, hier können Intellektuelle noch etwas bewegen.
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Ihre Tochter Sophia ist Anfang 20 und hat in der Ukraine schon zwei Bücher veröffentlicht. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Sophia hatte schon immer eine Vorliebe für Literatur. Ich habe das allerdings nie gefördert. Auch als sie mit ihrem Prosa-Debüt einen großen Nachwuchswettbewerb gewann, hatte ich keine Aktie daran. Außerdem war der ja auch anonym. Ich habe den Text, den Sophia mir von sich aus nie zeigen würde, gelesen und ich muss gestehen: Sie hat verdammt viel Talent. Das sollte ich als Vater vielleicht nicht sagen. Am meisten freut mich aber, dass sie einen völlig anderen Stil hat als ich.
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zuletzt aktualisiert: 30. März 2004 | 20:13
von Paul-Richard Gromnitza
Джерело: http://www.mdr.de/leipzig-liest/interview/1244287.html
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