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Der Mond ist ein Punkt in den Karpaten

16. M?rz 2005 ?ber die Huzulen k?nnte man uns viel erz?hlen. Zum Beispiel, da? in ihren D?rfern die Zahl der Geisterbeschw?rer und Hagelbanner gro? und die Angst der Bewohner vor Hexen und D?monen noch gr??er ist. Man k?nnte uns berichten, da? den Huzulen das Weihnachtsfest besonders heilig ist und sie dennoch am ersten Weihnachtstag nicht in die Kirche gehen. Denn sie wissen genau, da? die Hexen in den umliegenden W?ldern nur auf den Kirchgang der Bauern warten, um ihre W?lfe auf die Viehherden zu hetzen.

Die Huzulen wissen ?berhaupt vieles recht genau. Unersch?tterlich beharren sie darauf, da? der Teufel nur so lange in der H?lle an der Kette bleibt, wie Weihnachten und Ostern feierlich begangen, Ostereier bemalt und die Ahnen verehrt werden. Regelm??ig schickt Satan seine Boten auf die Erde, um zu erfahren, ob die Menschen noch die Feiertage einhalten. Falls dies nicht geschieht, wird er sich befreien, und das Ende der Welt w?re gekommen.

Wie lebt es sich wohl in einem Land, dessen Fortbestand davon abh?ngt, da? die Eier zu Ostern ordentlich bemalt werden? Nicht allzu gut, wenn wir den aktuellen Nachrichten Glauben schenken. Denn die Heimat der Huzulen, Huzulschtschyna genannt, geh?rt heute zu einem Land, dessen Bewohner frech darauf bestehen, da? ihre demokratischen Wahlentscheidungen auch Folgen in der politischen Realit?t ihrer Heimat haben, und die in ihrem Drang nach Freiheit und Wohlstand nicht einmal davor zur?ckschrecken, den deutschen Au?enminister in Schwierigkeiten zu bringen. Kurzum, die Heimat der Huzulen geh?rt zur Ukraine, genauer gesagt, umfa?t sie ein Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Rum?nien in den Waldkarpaten, etwa 150 Quadratkilometer gro?, bewohnt von derzeit etwa sechzigtausend Menschen.

Hier steht ein sonderbares Geb?ude, errichtet zwischen den Weltkriegen: “Bauwerk und Traumwerk zugleich, mit Heim und Werkstatt, Zitadelle und Akademie, Bibliothek, Konferenz- und Tanzsaal, Salon, Schwimmbassin, Maschinenraum, Restaurant, zentraler Energieversorgung, einer Reihe von Speichern und Kellergew?lben und unz?hligen anderen r?tselhaften R?umen mit ewig verschlossenen T?ren – es ist eine Arche, ein Komplex. Der Komplex Europa – hier, in der abgelegensten aller europ?ischen Regionen, an der Grenze zu Nichteuropa, im exakt ermittelten Zentrum Europas; es ist ein ehemaliges Observatorium, also ein Ort f?r Beobachtungen, Feststellungen, Betrachtungen – von Engeln vielleicht oder Kometen.”

So hat der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch diesen vergessenen Punkt auf der Landkarte in seinem vor zwei Jahren auf deutsch erschienenen Essayband “Das letzte Territorium” beschrieben. Das Buch machte Andruchowytsch, der 1960 geboren wurde, hierzulande auf einen Schlag so bekannt, wie man es als ukrainischer Essayist nur irgend werden kann: Ein Dutzend positiver, teilweise begeisterter Rezensionen erschien und sorgte daf?r, da? etwa sechstausend Exemplare verkauft wurden. Aber das ?nderte wenig daran, da? kaum jemand die Huzulen von ihren Nachbarn, den Ruthenen oder Bojken, unterscheiden konnte oder zur Kenntnis genommen h?tte, wo das geographische Zentrum Europas liegt: am Rand n?mlich, seit Jahrhunderten am Rand.

Jetzt hat Juri Andruchowytsch die vergessene Mitte des Kontinents ins Zentrum seines Romans gestellt: Er hei?t “Zw?lf Ringe” und spielt zu gro?en Teilen in dem ehemaligen Observatorium, das nun den seltsamen Namen “Wirtshaus “Auf dem Mond” tr?gt, mit drei Anf?hrungszeichen. Aus der Sternwarte, die Churchill der Legende nach f?r den britischen Aufkl?rungsdienst einsetzen wollte, war zuerst ein Sportinternat mit einem sadistischen Direktor geworden, der seine Nachwuchssportlerinnen vergewaltigte, bis ihm das Handwerk gelegt wurde. Danach stand das Geb?ude jahrzehntelang leer und verrottete.

In diesem Ort der Forschung und des Schreckens, der Beobachtung, des Drills und der Gewalt hat nun Warzabytsch seinen Hauptsitz genommen und ihn zu einer High-Tech-Gespensterburg ausgebaut. Er ist einer jener osteurop?ischen Tycoone, die der Zusammenbruch des kommunistischen Systems hervorgebracht hat: ein Oligarch, der alle F?den zieht, ein Wirtschaftsf?hrer von legend?rem Reichtum und mehr als zweifelhaftem Ruf, ein Krimineller, der mehr Macht besitzt als der Staat, dessen alten Strukturen er nur Beachtung schenkt, wo sie ihm nutzen k?nnen. Was dies bedeutet, l??t Andruchowytsch eine seiner Figuren beschreiben: “Polizeistaat – das ist, wenn die Polizei zwar allm?chtig, gegen das Verbrechen aber machtlos ist”.

Auf Einladung dieses obskuren Hausherrn treffen sich hier der ?sterreichische Fotograf Franz-Joseph Zumbrunnen, seine Dolmetscherin und Geliebte Roma Woronytsch, deren Ehemann, der labile Dichter, Trinker und Sch?rzenj?ger Artur Pepa, ihre Tochter Kolomeja, ein Literaturwissenschaftler namens “Professor Doktor”, Jartschyk Magierski, Regisseur f?r Werbespots und Videoclips, sowie Lili und Marleen, zwei junge Ukrainerinnen, eine “gef?rbte Br?nette” und eine “gebleichte Blondine”, halb Schulm?dchen, halb Filmsternchen, Fotomodell und Prostituierte.

Anla? ihres Beisammenseins ist eine Tagung, die der Oligarch, f?r den der Regisseur einen Werbespot drehen soll, freigebig finanziert. Aber alle Beteiligten haben ihre eigenen Pl?ne: Zumbrunnen will endlich Roma dazu bewegen, sich von ihrem Mann zu trennen, Kolomeja, gerade achtzehn, lernt die Liebe kennen, und der Professor spricht von nichts anderem als dem ukrainischen Nationaldichter Bohdan-Ihor Antonytsch, einem ber?hmten Dichter, der f?r alles steht, was die Ukraine einmal war, h?tte sein k?nnen und nie geworden ist. Zahllose Legenden ranken sich um den Bohemien, der sich 1937 das Leben nahm, danach aber immer wieder auf den Stra?en des Landes gesehen worden sein soll.

Antonytsch ist also gewisserma?en ebenso untot wie ein anderer Bewohner der Karpaten, der ungenannt bleibt und doch von der ersten bis zur letzten Seite durch diesen Roman geistert und mal in die eine, mal in die andere Figur des Buches schl?pft: Es ist F?rst Vlad Tsepes, auch bekannt als Vlad der Pf?hler oder als Dracole, der kleine Drache, der im f?nfzehnten Jahrhundert seine Untertanen und Widersacher zu Tausenden qualvoll umbringen lie? und zwischen den Leichen der Gepf?hlten Festmahle abhielt. Zum Vampir wurde er jedoch erst bei Bram Stoker, dessen Roman “Dracula”, erschienen 1897, Andruchowytsch immer wieder lustvoll zitiert.

Stokers Roman setzt ein mit den Tagebuchaufzeichnungen eines Westeurop?ers, der Transsylvanien bereist und in seinen Notizen die verst?renden Erfahrungen festh?lt, die er dort macht. Ganz ?hnlich h?lt es Andruchowytsch und zitiert im ersten Kapitel des Romans vor allem aus Briefen des ?sterreichers Zumbrunnen, der auf seinen ausgedehnten Reisen durch die Ukraine den Wandel des Landes im vergangenen Jahrzehnt aus n?chster N?he erlebt hat, ohne ihn zu begreifen. Wie “Dracula” ein Produkt des Fin de si?cle war, so sind auch Andruchowytschs “Zw?lf Ringe” das Produkt einer Phase der Transformation, in der Ende und Neubeginn, Zusammenbruch und Grundsteinlegung ununterscheidbar zusammenfallen. Die alte Polizeidiktatur und die Bodyguards und Schl?gertrupps der neuen Oligarchen, die vom sowjetischen Regime bis ins Absurde getriebene Huzulenfoklore, die Vorliebe des Hirtenvolks f?r ?bersinnliche Ph?nomene wie etwa die Wahrsagek?nste der “Planetnyks”, der ?berm?chtige Kunstmythos vom transsylvanischen Schreckensf?rsten Dracula und die vielschichtige Figur des pseudoheiligen Nationaldichters Antonytsch – all dies und vieles andere mehr r?hrt und sch?ttelt und mischt Andruchowytsch in seinem postmodernen Karpatenroman auf so unbek?mmert-kunstvolle Weise zusammen, da? man sich als Leser zuweilen f?hlt wie ein Eisw?rfel in einem Cocktailshaker – aber der Widerstand schmilzt mit jeder neuen Bewegung aus des Autors Handgelenk, bis Andruchowytsch das Schlu?kapitel mit Eleganz und Grandezza in hohem Bogen einschenkt.

Auf den letzten drei?ig Seiten hebt dieser Roman ab, denn Franz-Joseph Zumbrunnen, Fotograf aus Wien mit galizischen Wurzeln und Autor mehrerer Bildb?nde ?ber die Ukraine, erhebt sich in die L?fte. Vor seiner postumen R?ckkehr nach Wien geschieht allerdings noch eine ganze Menge: W?hrend der Fotograf vergeblich um Roma k?mpft und sich sogar ein Duell mit Artur liefert, erf?hrt Kolomeja nach und nach, worin die Bedeutung der zw?lf Ringe besteht, die Antonytsch ebenso in einem Gedicht besungen hat wie das “Wirthaus “Auf dem Mond”. Der Regisseur dreht sein Video, eine durchgeknallte huzulische Blocksberg-Orgie, und f?llt schlie?lich ebenso einem zuf?lligen Gewaltverbrechen zum Opfer wie Zumbrunnen, den ein groteskes Mi?verst?ndnis das Leben kostet. Letztlich mu? Zumbrunnen sterben, weil er sich in der fremden Sprache nicht verst?ndlich machen kann. Der Verdacht f?llt indes auf Artur und seine Frau Roma, die von brutalen Milizion?ren verhaftet werden, die auf der Lohnliste des Tycoons Warzabytsch stehen.

Es ist ein absurder Tanz, leicht wie die Liebe und schwer wie ein Albtraum, den dieser Roman mit immer wieder neuen und ?berraschenden Volten und Perspektivwechseln vollf?hrt, anspielungsreich, metafiktional und auf eine Weise postmodern verschachtelt und gebrochen, die westliche Leser an manche B?cher der achtziger Jahre erinnern mag, von Coover und Barthelme bis Calvino. Da? die ukrainische Postmoderne, der Andruchowytsch einen Essay gewidmet hat, alles andere als ein Aufgu? des im Westen Altbekannten ist, hat mit der Melodie zu tun, nach der dieser Autor seine Figuren tanzen l??t.

Die Musik, so schrieb Andruchowytsch vor zwei Jahren in seinen Essays, sei vielleicht das einzig Reale in der “Traumstruktur” Mitteleuropas. “Zweifellos g?be es diese Musik nicht, wenn die Karpaten nicht w?ren. Auch eine umgekehrte Abh?ngigkeit ist denkbar: Die Karpaten g?be es nicht, wenn diese Musik nicht w?re.” Nun mu? man wissen, da? die Huzulen glauben, da? die meisten Musikinstrumente eine Erfindung des Teufels waren, Gott hat nur ein einziges beigesteuert, die eher langweilige Trembita, eine Art Karpatenhorn, das ?hnlich wie in den Alpen auch zur Nachrichten?bermittlung diente.

Aber w?hrend Gott fern ist und der Teufel in der H?lle darauf wartet, da? die Ostereier nicht mehr bemalt werden, sind die Boten Satans ?berall. Sie kommen des Nachts und geben den Menschen schwere Tr?ume ein – eine andere Art von Wirklichkeit, oft vom t?glichen Leben nicht zu unterscheiden. Es ist ein Magischer Realismus ukrainischer Pr?gung, den Juri Andruchowytsch hier entwickelt, um drastisch und poetisch ein Bild des Zustands zu vermitteln, in dem sich sein Heimatland heute befindet.

Auch der R?ckflug Zumbrunnens aus Transsylvanien nach Wien schillert vieldeutig. Wie Dracula flieht der ermordete Fotograf vor dem Tageslicht, und wie ein Bote des Teufels wird er auf dem “Donau-Engelskorridor”, einer vielgenutzten Luftroute, immer wieder aufgehalten. Am Ende steht Zumbrunnen vor einer Himmelspforte, die ins Paradies f?hren k?nnte, in die H?lle oder auch auf den Mond, wo der liebeskranke Dichter Antonytsch ein Wirtshaus vermutete. Seit Ariosts “Rasendem Roland” wissen wir, da? der Verstand, der aus Liebe verlorengeht, in Kr?gen auf dem blassen Trabanten verwahrt wird. Man br?uchte ein Raumschiff, um ihn zur?ckzuholen – oder einen Dichter. In Juri Andruchowytsch haben wir einen, denn es ist ihm gelungen, den Mond auf eine Bergspitze in den Karpaten zu bannen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite L1

Джерело: http://www.faz.net/s/Rub79A33397BE834406A5D2BFA87FD13913/Doc~E6E5F18000D8748F58B090421D37880A2~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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